Heute erzählt uns eine Betroffene im Interview ihre Geschichte. Anna (Name anonymisiert) ist 27 Jahre alt und lebt seit einem Jahr mit der Diagnose Burnout.

 

Hallo Anna, schön, dass du dir Zeit für uns nimmst und uns ein bisschen über dich erzählst!

„Hallo, ich freue mich auch, hier zu sein.“

 

Über das Thema „Burnout“ hört und liest man derzeit sehr viel in den Medien. Welchen Beruf hast du damals ausgeführt und wie sah dein Arbeitsalltag aus?

„Ich war als letztes in einem großen deutschen Modehaus angestellt und war dort stellvertretende Abteilungsleiterin. Ich hatte die Verantwortung für ein Team von 25 Mitarbeitern und ein Budget von 6 Millionen Euro. Da auch im Einzelhandel immer mehr Stellen gekürzt werden, bedeutet dies eine größere Belastung durch mehr Verantwortung für den Einzelnen. Ich hatte offiziell eine 40 h Woche, verbrachte aber nahezu jeden Tag zwölf Stunden auf der Arbeit, da ich sonst einfach nicht hinterher gekommen wäre.
Zusätzlich durch die Belastung im Haushalt, vielen sozialen Kontakten und einem regelmäßigen Workout, blieb immer weniger Zeit für mich.“

 

Konntest du dich entspannen nach der Arbeit?

„Nicht wirklich, wir waren häufig noch im Team etwas essen und diskutierten auch dort über die Arbeit und besprachen die anstehenden Aufgaben.“

 

Wie hat dein Körper darauf reagiert?

„Nachdem ich im Urlaub krank wurde, traute ich mich nicht, mich anschließend auf der Arbeit krankzumelden, da ich nicht noch länger fehlen wollte. Während mein Chef im Urlaub war, hatte ich die alleinige Verantwortung für die Abteilung und musste ein großes Event für die drauffolgende Woche vorbereiten. Ich schlief praktisch im Verkaufshaus. Meine Mitarbeiter zwangen mich förmlich in die Mittagspause und der Druck wurde immer größer, alles möglichst perfekt zu erledigen.“

 

Was hat dieser Druck bei dir ausgelöst?

„Nachdem ich auf der Arbeit von mehreren Heulkrämpfen heimgesucht wurde, entschied ich mich zu kündigen.“

 

Wie hast du dich nach der Kündigung gefühlt?

„Nach der Kündigung brach ich vor Erleichterung zusammen. Meine Freundin bat mich eine Psychologin aufzusuchen, da sie nicht wusste, was mit mir los war. Auch mein Hausarzt überwies mich mit der wagen Diagnose Manie direkt zur Psychologin. Diese stellte nach wenigen Minuten fest, dass ich durch den Stress an einem Burnout litt. Sie verschrieb mir Medikamente und empfahl mir eine verhaltensbasierte Psychotherapie, welche ich jedoch abgebrochen habe.“

 

Wie erging es dir während der Therapie? Wie hast du dich gefühlt?

„Ich schlief nur wenige Stunden pro Nacht, war getrieben von Tatendrang, machte extrem viel Sport und aß kaum. Es war wie ein Rausch. Ich besuchte viele Freunde, gab Unmengen an Geld aus und genoss meine neu gewonnene Freiheit.“

 

Wieso hast du die Therapie letztendlich abgebrochen?

„Ich hatte das Gefühl, völlig gesund zu sein und dachte nicht, dass ich Hilfe nötig hätte. Mir ging es körperlich gut, ich war voller Energie.“

 

Was hast du gemacht, nachdem du die Therapie abgebrochen hast? Hast du einen neuen Job angefangen?

„Ja, ich habe einen neuen Job begonnen, eine einfache Verkaufstätigkeit. Der Tatendrang, den ich zuvor verspürte, kippte allerdings. Mir wurde bewusst, was ich angerichtet hatte. Die Euphorie verpuffte und machte einer waschechten Depression Platz. Ich konnte keine Nacht ruhig schlafen, mein Körper verweigerte die Nahrungsaufnahme und ich stand nur noch zum Arbeiten auf. Die restliche Zeit verbrachte ich bewegungslos im Bett und starrte an die Decke.“

 

Haben deine Kollegen bemerkt, was los war?

„Ja, meine Chefin sorgte sich und bat mich, mich in meiner Freizeit doch besser um mich zu kümmern. Außerdem bot sie mir eine Stelle als Führungsposition an. Dies setzte mich so unter Druck, dass ich mich selbst lähmte. Ich war aufgrund des Schlafmangels immer unkonzentrierter und heruntergemagert auf 44 kg.
Meine Mutter setzte dem Ganzen ein Ende, als sie mich besuchte. “So geht es keinen Tag weiter”, entschied sie kurzerhand und nahm mich mit nach Hause. Sie zwang mich zur Kündigung und zum Arzt. Dieser verschrieb mir Antidepressiva und beschwor mich, meine Therapie ernst zu nehmen.“

 

Hast du die Therapie daraufhin weitergeführt?

„Direkt noch nicht. Ich schlief viel zu dieser Zeit, bis zu 14 h. Machte keinen Sport mehr und war ständig müde. Ich wollte mich für immer im Bett verstecken. Das bloße Anziehen war mir schon zu anstrengend. Ich war nicht mehr in der Lage, alleine meinen Haushalt zu führen und zog wieder daheim ein.
Vor Weihnachten dann wurde ich in eine Akutklinik eingeliefert, da ich mit Selbstmordgedanken zu kämpfen hatte.Dort blieb ich 7 Wochen und lernte mit meiner Krankheit umzugehen. Viel autogenes Training, Yoga und progressive Muskelentspannung halfen beim Abschalten. Eine persönliche Betreuung durch einen Therapeuten waren ebenso hilfreich wie die Gespräche mit Mitpatienten.“

 

Wie ging es dir nach der Therapie?

„Das lähmende Gefühl ließ nach und ich kam wieder besser aus dem Bett. Die Selbstmordgedanken treten immer seltener auf und ich kann wieder nach vorne schauen.“

 

Was machst du aktuell?

„Im Moment absolviere ich ein Praktikum, um meine eigene Belastbarkeit zu testen. Im Anschluss werde ich an einem Rehabilationsprogramm zur Wiederteilhabe am Arbeitsleben teilnehmen, bei dem man sukzessiv und unter psychologischer Betreuung wieder an den Arbeitsalltag gewöhnt wird.“

 

Kannst du dich nun besser entspannen?

„Ja, ich versuche bewusst im Hier und Jetzt zu leben und mache regelmäßig vor dem schlafen gehen eine Meditation. Sehr hilfreich ist auch der geregelte Alltag durch das Praktikum.“

 

Was würdest du Menschen raten, die kurz vor einem Burnout stehen?

„Sucht euch rechtzeitig Hilfe. Sprecht mit Freunden oder Kollegen, schämt euch nicht. Achtet auf Warnsignale eures Körpers und zögert nicht einen Arzt aufzusuchen.“

 

Vielen Dank, Anna, für das Gespräch. Wir wünschen dir für deine Zukunft alles Gute!

 

Die Artikelserie „Stress“ hat dir gezeigt, was Stress ist und welche Folgen er haben kann. Nächste Woche starten wir eine neue Serie zum Thema „Richtig Entspannen“, um dir vor Augen zu führen, wie du Stress aktiv reduzieren und dich entspannen kannst. Es warten einige Tipps und verschiedene Entspannungsübungen auf dich!

 

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